Hannoversche Allgemeine Zeitung, vom 8.6.23 (Stadtanzeiger West)
“Spaziergang durchs Bankenviertel”
Auftragsarbeit der hanova GEWERBE GmbH: Recherche und Textgestaltung einer 20-seitigen Broschüre.
Hier gibt es weitere Infos zum Projekt.
Hannoversche Allgemeine Zeitung, vom 8.6.23 (Stadtanzeiger West)
“Spaziergang durchs Bankenviertel”
Auftragsarbeit der hanova GEWERBE GmbH: Recherche und Textgestaltung einer 20-seitigen Broschüre.
Hier gibt es weitere Infos zum Projekt.
Ein neues Projekt ist fertig! Entstanden ist eine zwanzigseitige Broschüre, die die Lesenden durch das ‘Bankenviertel von Linden-Süd’ in Hannover führt. Der Mini-Reiseführer, ausgerichtet nach den Sitzbänken, die zum Verweilen einladen, enthält spannende Infos sowie aktuelle und historische Anekdoten rund um diesen lebendigen Stadtteil.
Die Broschüre liegt an Bank Nr. 1 und Nr. 12 in gedruckter Form kostenfrei aus, ein Online-Exemplar der Broschüre findet Ihr hier und an jeder der Bänke, abrufbar über einen QR-Code.
Ich bedanke mich ganz herzlich bei Carsten Tech von der hanova GEWERBE GmbH für den Auftrag und bin sehr stolz, dass ich neben dem Buch übers Hanomag-Gelände nun ein weiteres Archiv über meinen Heimatstadtteil Linden, der mir sehr am Herzen liegt, verfassen durfte.
Viel Spaß beim Schlendern und Lesen!
www.spaziergang-durchs-bankenviertel.de
HAZ, Stadtanzeiger West, 31.12.2020
Ich freue mich sehr, Euch nach über zwei Jahren Projektarbeit, unzähligen Interviews mit Bewohner*innen und Beleber*innen des Hanomag-Geländes und hunderten Fotos und Textbausteinen nun endlich meine erste Buchveröffentlichung vorstellen zu dürfen! Gemeinsam mit Fotograf Thomas Langreder und Co-Autorin Aylin Horata ist im Auftrag der agsta Architekten ein Bildband über die Revitalisierung das Hanomag-Geländes in Hannover entstanden. Ich bin dankbar, Teil dieses Projektes gewesen zu sein und bin stolz, ein Stück Zeitgeschichte aus meiner Heimatstadt dokumentiert zu haben!
Der Band umfasst 108 Seiten mit ca. 140 Abbildungen, erscheint als Softcover im Format 24×26 cm und kostet 29,80 €. Zu beziehen über Decius/Thalia (0511-441893), Lindener Buchhandlung (0511-262927917) oder direkt über mich.
Fotos und Gestaltung des Buches: QUBUS media
Im Jahr 2018 gründete sich auf Initiative von Zeitschreiber die WortLaut-AG, eine kleine Gruppe selbstständiger hannöverscher Kulturschaffender. Mit Unterstützung der Stadt setzte die AG die bundesweite Woche der Sprache und des Lesens in Hannover um. Als Fortsetzung dieser Arbeit wurde 2020 das WortLaut-Festival ausgerufen. Mit der Herausforderung der Corona-Pandemie im Gepäck entstand ein buntes Veranstaltungsprogramm mit mehr als 30 Events. Wir sind stolz und glücklich, dass wir das Projekt in diesem Kulturgebeutelten Jahr erfolgreich auf die Beine bringen konnten und wünschen uns, dass sich das WortLaut-Festival zu einer festen Kulturinstanz in Hannover entwickeln kann.
Zeitschreiber bedankt sich bei Bureau Bordeaux und der Stadtteilkultur Hannover für die tolle Zusammenarbeit sowie bei allen mitwirkenden Kreativen, die das Festival mit ihrem Beitrag bereichert haben.
Wir freuen uns auf das WortLaut-Festival 2021 mit Euch!
Vielen Dank für die Bereitstellung der Fotos an:
QWERTZ Buchstabenladen Hannover
Christina Meissner Gestaltung
Tina Kolbek-Landau
Wow-Kollektiv
Ruby schreibt Zeugs
Lesebühne Text Genuß & Schnaps
Home-Office kennen wir schon, jetzt kommt der Home-Workshop!
Unter #schreibtkreativ teilt die Stadtteilkultur Hannover für Euch Workshop-Anleitungen fürs Kreativsein zuhause. Die erste kommt von Zeitschreiber!
Macht mit und teilt Eure Ergebnisse unter #schreibtkreativ
Auszug aus meinem Bewerbungsschreiben zum Open Call des Projekts `Gut Zusammenleben´ des Cameo Kollektivs:
Die Verbindung zwischen Hannover und mir begann, als die Fahrkartenschalter im Hauptbahnhof noch tief im Zementgrau unter den Gleisen verborgen lagen. Wenn der Zug Verspätung hatte, den ich nach der Schule in meinen Vorort nach Hause nehmen wollte, und ich keine 30 Pfennig in den Hosentaschen fand, um aus der Telefonzelle heraus zuhause Bescheid zu geben, dann sprach ich Passanten auf Kleingeld an. Die meisten übersahen mich eilig.
Später, viel später, als ich Anfang zwanzig und gerade zur Ausbildung nach Hannover gezogen war, fuhr ich an einem kalten Winternachmittag mit etwa hundert Menschen in der Straßenbahn durch die Stadt. Obwohl wir uns nur flüchtig kannten, gehörten wir zusammen. Wir waren `Kiezkollegen ́, Verbündete durch das erste Soziale Netzwerk in Hannover. Auf unserem Weg durch die Stadt stiegen wir hier und da in eine andere Linie um, fuhren einfach in die entgegengesetzte Richtung weiter, nur scheinbar ohne Ziel. Während die Bahn sich durch die Stadt schlängelte, schloss ich viele Freundschaften. In der Zukunft sollten sie für mich und mein Leben in der Stadt sehr bedeutsam werden. Viele dieser neuen Freunde waren von ihrer Leidenschaft zur Gestaltung getrieben, die vor allem in Musik und Graffitis zum Ausdruck kam. Um Gehör zu finden, schafften sie sich ihre eigenen Bühnen: Sie nahmen Songs auf, gründeten Labels, gestalteten Flyer, Albumcover, organisierten Konzerte, klebten Plakate, veranstalteten Partys, für sich selbst und für die Menschen der Stadt. Später waren Sie es, die die Galerien, Co- Workingspaces und Kulturvereine Hannovers gründeten. Durch die Begegnung mit ihnen lernte ich, dass eine Straßenbahn ein Ort der Verbindung zwischen Menschen sein kann und ich verstand, dass Kultur und Stadtbezug dort entstehen, wo Menschen die Freiheit haben, sich kreativ auszuleben. Also fing auch ich damit an, die passende Ausdrucksweise für mich zu suchen. Mein Mittel war das Wort. Schreiben, Reden, Gespräche festhalten, Diskussionen anzetteln, eine Stimme finden, sich Mitteilen und austauschen. Seither dokumentiere ich die Geschichten unserer Stadt und der Menschen, die sie erleben. Ich lade sie dazu ein, ihre Wahrnehmung zu schärfen, mit sich selbst und ihrer Umgebung in Resonanz zu gehen und ihre Selbstwirksamkeit zu entfalten. Ich schaffe – gemeinsam mit ihnen und für uns alle - Möglichkeiten, unseren Lebensraum so zu gestalten, wie wir in ihm miteinander leben wollen.
Heute fährt mein Zug gen Norden aus der Stadt hinaus. Ich wohne nicht mehr in Hannover, aber ich lebe hier. Ich halte an den Begegnungen mit den Menschen fest, lasse mich von der Urbanität inspirieren und versuche im Gegenzug meinen Teil für die Stadtgemeinschaft beizutragen. Es bedeutet mir viel, die Verbindung nicht einreissen zu lassen, durch die ich selbst so sehr wachsen und wurzeln konnte.
Ein kleiner Rückblick auf die "Woche der Sprache und des Lesens" im Mai 2019. Es war ‘ne super Sause, wir haben mehr als 50 Veranstaltungen auf die Beine gestellt und arbeiten schon an einer Weiterführung des Projekts im kommenden Jahr! Mehr dazu findet Ihr hier.
Herausgegeben vom Dialog Aufbruch
Sommerwind weht mich
Im Strudel himmelweit fort
Ausweglos mein Fall
∞
Wer Lust hat, in die Kunst des Haiku-Dichtens hinein zu schnuppern, ist am 13.12.2018 auf dem Weihnachtsmarkt der Volkshochschule Hannover richtig. Von 16-19 Uhr könnt Ihr kostenlos die Technik des japanischen Kurzgedichtes kennenlernen und mit meiner Hilfestellung Euer eigenes Haiku schreiben.
Foto: Lisa V. Pape
Foto: Annie Spratt
Einen Nachmittag lang widmen wir uns der Erinnerung an unsere Kindheit. In einfachen Schreibübungen denken wir zurück an Orte, Menschen und Ereignisse, die in unserer Kindheit eine besondere Rolle gespielt haben und an die wir uns gern zurück erinnern. Vorkenntnisse im Schreiben braucht es nicht. Viel eher bietet dieser Workshop einen Einstig in kreatives und autobiografisches Schreiben und kann eine Grundlage für Euch sein, Eure ganz persönliche Chronik daraus zu entwickeln.
Samstag, 12. Mai 2018, 16.00-18.30 Uhr / 26€
Día. - Raum für Automedialität
Kötnerholzweg 13
30451 Hannover-Linden
Anmeldung unter hallo@zeitschreiber.de / Hier geht's zur Veranstaltung bei Facebook
Foto: Lisa V. Pape
An einem Tag im Januar nehme ich teil an einer Trauerfeier, bei der ich weder den verstorbenen Menschen, noch seine Angehörigen kenne. Sven, der Bestatter* hat mich eingeladen, die Trauerfeier mit ihm und seinem Team vorzubereiten und als stille Beobachterin in der letzten Reihe daran teilzunehmen. Ein seltsames Gefühl, als würde ich mich einschmuggeln oder einmischen, wo ich mich raushalten sollte.
Als ich ankomme, wird gerade die Urne aufgebaut. Ich darf mitbestimmen wo die Kerzen stehen sollen und wie die Blumen dekoriert werden – übrigens keine Kränze mit letzten Grüßen wie ich sie so oft gesehen habe. Sondern Frühlingsblumen, Vorboten auf das Erwachen der Welt nach einem langen Winter. Ein Symbol fürs Leben inmitten einer Beerdigung.
Irgendwann im Gewusel des Aufbaus bin ich einen Moment allein. Vor mir die Urne mit der Asche einer Person, von der ich nicht mal weiß, ob sie ein Mann oder eine Frau gewesen ist. Fast ist es, als würde ich sie in Gedanken ansprechen und mich vorstellen. Ist es nicht seltsam, dass ihr Lebensweg und meiner sich ausgerechnet hier kreuzen, auf ihrer Beerdigung, in einem so intimen Moment? Es scheint ein wenig wie ein Akt der Selbstlosigkeit, hier zu helfen und zu unterstützen, etwas für jemanden zu tun, der das selbst nicht mehr wird tun können und von dem ich keinen Dank erwarten kann. Aber gleichzeitig fühle ich mich noch immer ein wenig wie ein Eindringling und weiß, dass die Szenerie nie so aussehen sein wird, wie wenn die verstorbene Person sie selbst hergerichtet hätte.
Im nächsten Moment kommt mir zum ersten mal der Gedanke, dass ich für meine eigene Beerdigung selbst bestimmen möchte, wie die Blumen aussehen oder der Raum geschmückt ist. Ich kaufe mir jedes Wochenende auf dem Markt meinen eigenen Blumenstrauß. Warum sollte ausgerechnet auf meiner Beerdigung jemand anders bestimmen, welche Blumen gekauft werden? Eine Beerdigung ist so sehr geprägt von den Vorstellungen der Angehörigen, davon, wie sie glauben, dass es dem oder der Verstorbenen gefallen hätte. Warum übernehmen so wenig Menschen selbst die Entscheidung? Vielleicht weil es ihnen egal ist. Aber sicherlich zum größeren Teil, weil sie sich über ihre eigene Trauerfeier noch nie Gedanken gemacht haben. Ganz genau so wie ich.
Nun stehe ich am Eingang des Künstlerateliers, in dem die Trauerfeier stattfinden wird. Einer der alternativen Orte, die Sven in seinem Portfolio anbietet, für Menschen, die sich nicht mit der Kirche verbunden fühlen. Gleich kommen die Trauergäste und ich bitte Sven noch um einige Verhaltenstipps, wenn ich die Angehörigen begrüße. Mir wäre lieber, ich dürfte mich irgendwo verstecken. Dann ist es so weit. Alle Gäste nehmen ihren Platz ein. Der Redner beginnt zu sprechen. Er hat eine sehr eigene und ungewöhnliche Art, seinen Vortrag zu halten. Zwischendurch bringt er immer wieder kleine Pointen ein oder erzählt kurze Anekdoten aus seinem eigenen Leben. Behutsam flicht er so immer wieder das Leben ein in eine Ansprache, deren Anlass der Tod ist. Doch auch hier kommt mir der Gedanke, dass es irgendwie nicht richtig ist, dass jemand anderes für den verstorbenen Menschen spricht, als er selbst. Was wäre, wenn ich selbst meine Trauerrede schreiben würde? Wenn ich jedem meiner Gäste noch etwas sagen könnte? Wenn alle sicher sein können, dass es wirklich in meinem Sinne ist, was gesprochen wird? Vielleicht könnte ich meine Worte sogar auf Tonband aufnehmen. Dann bräuchte es gar keinen Redner. Gleichsam aber auch eine komische Vorstellung: Mein Geist schon nicht mehr da, aber noch meine Stimme?
Obwohl ich mit diesen Gedanken etwas abschweife während der Rede, bin ich dennoch immer wieder auch von ihr gerührt und ergriffen. Losweinen wäre hier total Fehl am Platz, denke ich. Aber warum eigentlich? Weil ich nicht über den Verlust der Person weinte, sondern über die Schönheit des Lebens? Ich verdrücke heimlich ein halbes Tränchen als Kompromiss zwischen dieser Hin- und Hergerissenheit. Ein Trauergast hingegen weint laut. Ihn packen die Emotionen und er heult verzweifelt als einziger Gast zwischen einer Gruppe von Menschen, die alle ganz leise in ihr Taschentuch schnupfen. Ich erinnere mich daran, was ich im Museum für Sepulkralkultur gelernt habe: In Ghana, einem stark christlich geprägten Land Afrikas, ist es üblich und wird sogar erwartet, dass die Trauergäste und vor allem die Frauen unter ihnen lauthals ihre Trauer hinaus weinen, ihr Leid klagen und sogar ihre Kleidung zerreißen, um zu zeigen, wie sehr der Verlust ihres Verstorbenen sie trifft. In den Ländern hingegen, in denen der Buddhismus die stärkste Religion ist, wird das demonstrative Klagen vermieden, da man glaubt, es verhindere die verstorbene Seele daran, sich vom Irdischen zu lösen. So groß der Schmerz der Hinterbliebenen manchmal ist, so unterschiedlich kann auch der Umgang mit ihm in den verschiedenen Kulturen der Welt sein. Und so erscheint mir der große, weinende Mann wie eines der afrikanischen Klageweibern unter lauter Zen-Mönchen.
Nach der Trauerrede, als alle Gäste zu Kaffee und Kuchen übergehen, dem „Leichenschmaus“ (ein Wort, dass mir im gesamten Beerdigungs-Kontext das Unangenehmste ist), beginnen wir mit dem Abbau. Die Pflanzen werden eingesammelt, die Kerzen gelöscht, die Urne in einer Kiste verstaut. Ich packe mit an als hätte ich nie etwas anderes getan. Die Tatsache, dass wir die Überreste eines toten Menschen transportieren, fühlt sich nicht mehr so ungewohnt an. Als ich auf dem Fahrrad nach Hause fahre, denke ich darüber nach, dass es ein schönes Gefühl ist, etwas dazu beizutragen, dass Menschen ihren Emotionen freien Lauf lassen können. Es ist kein Akt der Selbstlosigkeit. Denn auch ich nehme daraus etwas für mich mit: Anregungen zu meinem eigenen Leben und Sterben und ein Gefühl der Zugehörigkeit im alltäglichen und lebendigen menschlichen Miteinander.
*Dank an Friedrich Cordes Bestattungen
Foto & Text: Lisa V. Pape
Eisstern segelt sanft
aufs stumme Schneeperlenmeer
Oh, schreiende Stille!
Weg mit der 500-Seiten-Biografie - Her mit dem Ich-Archiv!
An diesem Nachmittag begeben wir uns auf die Suche nach kleinen Spuren, die wir täglich hinterlassen: Notizen, Einkaufszettel oder Sprachnachrichten - Sie alle geben Auskunft über unser Leben. Diese beiläufigen Artefakte geben Anlass uns zu erinnern und uns spielerisch mit unserem Alltag auseinanderzusetzen. In ihnen steckt die Magie eines kleinen Kunstwerkes. Wir spüren sie auf und finden Methoden, um sie in den Mittelpunkt zu rücken und aus ihnen ein kleines Lebenszeit-Archiv zu gestalten.
24€ pro Person // 2,5 Stunden // Anmeldungen bis zum 21.1.18 unter hallo@zeitschreiber.de
... und hier geht's zur fb-Veranstaltung...
Friedhof in Tanzania (Foto: Ashim D’Silva)
Zu Beginn dieses Jahres beschließe ich also, mich die kommenden zwölf Monate mit der Kultur rund um den Tod, das Sterben und der Trauer zu beschäftigen. Wieso? Das kann ich selbst nicht genau sagen. Vielleicht weil ich im letzten Jahr meine beste Freundin zur Beerdigung ihres Vaters begleitet habe. Vielleicht, weil ich im Krankenhaus plötzlich mit der Endlichkeit meines eigenen Lebens konfrontiert wurde. Vielleicht auch, weil ich mich schon in meinem Studium und nun auch in meinen Zeitschreiber-Workshops der Reflexion des Lebens gewidmet habe und schnell auf den Trichter gekommen bin, dass das Leben durch nichts so sehr geprägt wird, wie durch seine Endlichkeit. Memento Mori lässt grüßen – Bedenke, dass Du sterben wirst.
Wo anfangen?
Als allererstes treffe ich mich mit Sven*, einem befreundeten Bestatter und stelle ihm ins Blaue hinein alle Fragen, die mir einfallen, zum Beispiel: Wie teuer ist die günstigste Art, bestattet zu werden? „Tausendfünfhundert Euro“, sagt Sven zu meinem Erstaunen, weil ich das doch relativ günstig finde. Eine Seebestattung sei das, sagt Sven, allerdings ohne das Beisein der Familie. Dann erzählt er von einer Alternative im gleichen Preissegment: Eine anonyme Urnen-Beisetzung irgendwo in Ostdeutschland. Dort werden Menschen beerdigt, die ohne Angehörige sind und bei denen die Kommune für die Bestattung sorgt. Die Körper dieser Menschen werden manchmal mehrere Hundert Kilometer von Ihrer Heimatstadt beigesetzt. "Discount-Bestattungen", nennt Sven diese preisgünstige Variante eines Begräbnisses und versucht seine Kunden, behutsam umzustimmen: „Ich möchte die zuständigen Behörden davon zu überzeugen Vom Discount-Friedhof zur Seebestattung überzugehen. Aber sie wollen die Urnen exhumieren können, falls sich irgendwann doch noch Angehörige melden.“ Gegen dieses Argument finde ich irgendwie keinen Einwand. Trotzdem möchte ich so nicht begraben werden.
Ich frage Sven nach alternativen Trauerfeiern. Diejenigen, die ich kenne, sind sich in ihrer Weise alle sehr ähnlich, egal ob die Toten jung oder alt, gläubig oder atheistisch waren - Die Trauerfeiern sind irgendwie immer wie von der Stange: Ein Pastor oder Pfarrer hält in einer Kapelle oder der Kirche eine Rede über den Verstorbenen, meist ohne ihn je persönlich kennengelernt zu haben. Die Rede speist sich aus den Angaben der Angehörigen, die im Schnellverfahren Bericht erstatten mussten, ohne das traurige Ereignis überhaupt erst begriffen zu haben. Ich frage mich, für wen Trauerfeiern eigentlich abgehalten werden. Als Ehrerweisung gegenüber dem Verstorbenen, ok. Aber als Abschiedsfeier für die Hinterbliebenen? So verstehe ich sie jedenfalls nicht. Müssen diese doch die Familie repräsentieren, Kondolenzen entgegennehmen und ihre Rolle spielen: Die des trauernden, aber sich beherrschenden Familienmitgliedes, von dem erwartet wird, es allen Recht zu machen.
Sven erzählt mir indes von einer Trauerfeier, die sich nicht an die Regularien des Normativen gehalten hat: Die Bestattung eines mittdreißiger Punk-Rock-Musikers. Auf eine Trauerrede wurde verzichtet, stattdessen lauschten die Angehörigen dem letzten Album des Verstorbenen und ließen genüsslich einen Joint rumgehen. Schön, denke ich, auch wenn ich selbst eine Punk-Rock-Bestattung aus akustischen Gründen ablehnen würde. Diese Trauerfeier hat den Teilnehmenden sicherlich die Möglichkeit geboten, ihren Verstorbenen so zu verabschieden, wie sie ihn kannten. Auf die Standardisierte Beerdigung aus dem Katalog wurde verzichtet, die Persönlichkeit des Toten hingegen hervorgehoben und seiner Art zu Leben wurde gehuldigt.
Das Gespräch mit Sven soll für mich eine Einstimmung sein, der Beginn einer längeren Auseinandersetzung mit dem Tod und unserem Umgang mit ihm. Als Sven mich einlädt, in seinem Bestattungsunternehmen eine Hospitanz zu leisten, sage ich sofort zu – und denke erst einen Augenblick später darüber nach, was das für mich bedeutet: Werde ich dann wirklich einen toten Menschen anschauen? Werde ich in einem Leichenwagen fahren und ein Krematorium besuchen? Diese Vorstellung kostet mich ein wenig Überwindung. Warum? Weil all das bei uns hinter vorgehaltener Hand und dem Aushängeschild der Pietät abgewickelt wird. Früher waren Familien noch selbst für das Begräbnis ihrer Angehörigen zuständig. Doch heute geben wir den Job ab, an einen Bestatter, der sich um unsere Angehörigen kümmert. Jemand anders hebt das Grab aus, jemand anders wäscht und kleidet die Toten für uns. Wir ziehen eine Barriere zwischen den Tod und uns und wollen unsere Verstorbenen „so in Erinnerung behalten, wie sie waren“. Aber vergessen wir dabei nicht, dass das Leben mit dem Zerfall des Körpers endet? Dass zum Leben nicht nur Gesundheit, sondern auch Krankheit zählt? Und zu einem Körper nicht nur Schönheit, sondern auch Verderben und vielleicht sogar Ekel? Gehört zu einem „wie sie waren“ nicht auch das (An-)Erkennen, wie sie im Zustand ihres Todes waren?
Ich schreibe diese Gedanken auf und nehme eine innere Beklommenheit wahr, eine Stimme, die sagt: „Weise Worte, aber kannst Du selbst dieser Ansicht folge leisten?“. Eine Hürde ist das Thema Tod definitiv für mich, Berührungsängste kann ich nicht verleugnen. Doch möchte ich versuchen herauszufinden, wie sich mein eigener Umgang mit dem Tod gestaltet und wie er sich durch die Konfrontation im Laufe meiner Recherchen verändert. Im Idealfall werde ich am Ende des Jahres eine leichtere Herangehensweise für mich gefunden und eine konkrete Vorstellung davon haben, wie ich mir den Umgang mit dem Tod für unsere Gesellschaft und für mich ganz persönlich wünsche.
Begleitet mich gern auf diesem Weg. Lest meinen Blog und schreibt mir Kommentare oder E-Mails. Ich freue mich sehr, Eure Ansicht der Dinge zu erfahren, Einwände zu hören und mich mit Euch auszutauschen. Bis dahin zitiere ich die Worte, die auf der gläsernen Ausgangstür des Museums für Sepulkralkultur in Kassel zum Abschied grüßen: Leben Sie wohl!
*Vielen Dank an Sven Cordes von Friedrich Cordes Bestattungen, Hannover
Photo by Janko Ferlič on Unsplash
Im letzten Jahr habe ich mich mit Zeitschreiber schon mit einem bedeutenden Teil der 'Erinnerungskultur' beschäftigt: Meine Workshops haben sich vor allem auf den gelebten Augenblick konzentriert, auf die (künstlerische) Verarbeitung und Reflexion der Gegenwart. Doch die Erinnerungskultur hat noch viel mehr Aspekte!
Ein großes neues Feld, das für mich und Zeitschreiber 2018 auf dem Plan steht, ist die 'Sepulkralkultur', also die Kultur des Todes, des Sterbens, des Trauerns und der Bestattung. Denn zum Leben gehört nicht nur das Betrachten der Gegenwart. Ganz stark ist in uns Menschen der Wunsch verankert, Vergängliches festzuhalten, Erinnerungen zu bewahren und zurückzublicken.
Ich möchte mich dieser Sache widmen, da - in unserer Gesellschaft - uns der Tod immer erst dann zu betreffen scheint, wenn jemand Nahestehendes gestorben ist. Ich finde, wir sollten das ändern und den Tod zu einem Teil unseres Lebens werden lassen. Vielleicht hilft uns dieser proaktive Umgang dabei, das Ende des Lebens als nicht so bedrohlich zu empfinden.
Ich werde mich einlesen in unseren eigenen geschichtlichen Umgang mit dem Tod und interkulturelle Unterschiede in den Sitten und Gebräuchen herausfinden. Ich werde mir das Bestattungswesen anschauen und eine Hospitanz bei einem Bestatter leisten, werde mit Trauerredner*innen sprechen und ein Museum für Sepulkralkultur besuchen. Mein Ziel ist es, mit dem Wissen im Anschluss Ausstellungen und Konzepte zu entwickeln, die uns näher an das Thema Tod heranbringen und uns einen größeren Handlungsspielraum anbieten, als das Ausrichten einer Beerdigung.
Im Zeitschreiber-Blog werde ich von meinen Erfahrungen berichten und das Projekt dokumentieren. Ich freue mich über Wegbegleiter*innen, interessierte Augen und Ohren und vielleicht sogar die ein oder andere Mail mit Eurem Feedback.
2018, los gehts!
Das Stadtkind Magazin hat einen schönen kleinen Artikel über unser Workshop-Atelier geschrieben, in dem alle Zeitschreiber-Workshops stattfinden. Danke schön!
"Día.
Raum für Automedialität
Sich selbst zu inszenieren, sich selbst zu gestalten – es ist gar nicht so einfach, sich zu erfinden und der eigenen Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen. Und doch tun wir genau das Tag für Tag, bewusst oder unbewusst. Automedialität wird diese Vorgehensweise genannt. (...)"
... Hier gehts zum Artikel und hier zur fb-Seite von Día.
(Nachtrag: Zeitschreiber zog Ende des Jahres 2018 aus der Kreativgemeinschaft Día aus.)
Foto: Simson Petrol
Freitag, 15.12.2017 um 20.00 Uhr
Día. - Raum für Automedialität
Kötnerholzweg 13
30451 Hannover-Linden
Am Freitag, den 15.12. nutzen wir die Dunkelheit eines arschkalten Winterabends, um es uns drinnen rund um einen Stapel geheimer Bücher gemütlich zu machen. Alles was niemals ans Licht geraten sollte wird enthüllt: Abschließbare Tagebücher, bekennende Briefe, intime Postkarten & geheime Botschaften. Egal ob lustig, herzzerreißend oder weltbewegend - wir wollen alles wissen!
Los geht es um 20 Uhr bei Día. - Raum für Automedialität.
Wer etwas vortragen mag, wird gebeten, sich vorab per Mail unter hallo@zeitschreiber.de anzumelden. Spontane Vorträge von Schüchternen sind aber genauso willkommen!
Wir stellen Tee & Glühwein gegen eine Spende bereit und ein paar Lebkuchenherzen für die Gemütlichkeit.
Zur Facebook-Veranstaltung geht es hier!
Anmeldung bitte unter
hallo@zeitschreiber.de
Foto: Lisa V. Pape
Ungezogen. Losgezogen. Eingezogen.
Zeitschreiber hat jetzt endlich ein Zuhause - und eine große Schwester!
Voilà:
Día. Raum für Automedialität.
Día., im Kötnerholzweg 13 in Hannover-Linden, bietet die perfekte Atmosphäre für Schreibworkshops und andere Zeitschreiber-Projekte. Im Zentrum für Automedialität dreht sich alles rund um die Inszenierung des Selbst. Kommt vorbei und seht selbst!
(Nachtrag: Zeitschreiber zog Ende des Jahres 2018 aus der Kreativgemeinscahft Día aus.)
Foto: Lisa V. Pape
Yay! Jetzt ist es offiziell:
Im Oktober ziehen wir in den Kötnerholzweg 13, in Hannover-Linden!
Gemeinsam mit unserer tollen Büropartnerin Jac von www.jacjournal.de werden wir großartige Projekte und Workshops rund um das Thema Automedialität und Inszenierung von Biographie umsetzen.
Ab dem 15. Oktober geht es zunächst los mit einer offenen Schreibwerkstatt für autobiographisches Schreiben.
Weitere Infos in Kürze!
<3
P.S. Wir haben noch ein wenig Platz übrig und suchen weitere Partner*innen für Büro-/Workshop- oder Ausstellungsraum.
Foto: Milkoví
"Ob mit dem Stichel auf der Tontafel oder mit dem Kugelschreiber auf dem Notizblock – die Schrift ist das, was sich einprägt, ist eine unverwechselbar persönliche Spur. Kein Wunder, wurde sie von der Graphologie einst als «Spiegel der Seele» aufgefasst und zur Deutung des menschlichen Charakters genutzt."
Lies hier den ganzen Artikel aus der NZZ über den Wandel der Schreibkultur.